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Da ist eine hohe helle Stadt mit blanken Wasserflächen, flink furchenden kleinen Dampfern, abends grüne und rote Lichtschweife schleifend, da ist ein großer Verkehr und alte merkwürdige Seitengassen und berauschend nüchterne hoch¬kantige Geschäftshäuser, famos gebaut, und Kirchen mit grün patinierten Kupferdächern, grünen Türmen. Wo ist wohl in solchen Städten wie Hamburg und Kopenhagen das viele Kupfer her? Vielleicht von den Zeiten der Seeräuberei. Ich weiß nicht, ob das eine richtige Erklärung ist, ich glaube kaum, ich hoffe es nur. Dieses Hamburg ist eine der wenigen deutschen Städte, die nicht nur Vergangenheit hat, wie unsere süddeutschen Traumstädtchen alle, sondern auch Gegenwart, einen Lebensstil, einen Hauch von Übersee, eine Art permanenter Großzügigkeit, mag sie auch in den einzelnen Phasen des Augenblicks nicht immer gegenwärtig sein. Kritisieren sollen die Hamburger selbst an ihrer Stadt, uns Fremden sei es erlaubt, zu bewundern und einfach hinzunehmen und froh zu bejahen. Eine deutsche Stadt, eine Stadt mit Weltgesicht. Eine Stadt, in der man leben könnte, sofern man überhaupt länger als vier Monate in einer Stadt leben kann. Es regnet - und wie köstlich riecht der Regen in einer Hafenstadt!! Da riecht er nicht nur nach Eisenbahn und nassem Asphalt und ein paar Morgen Vorgartenerde, wie in anderen Städten, sondern nach Teer und Salz noch dazu und nach rostigem Stahl und Fisch und Gewürz und allem Dreck und Fleiß des Hafens. Schiffsmasten, Dampferschlote im diesigen Schleier des Mittags, das Zahn- und Astwerk der Werften, die auf unsichtbaren Dünungen zu schweben, zu schaukeln scheinen, von den eckig gelenkigen Greifarmen der Kräne himmelhoch überragt. Hamburg: schöne weite Welt, und jetzt ist Frühling, die Winterschnäpse schmecken schal und passé, schon riecht der Markt nach Maikräutern, wenn es auch nur Petersilie ist...
Carl Zuckmayer (1896 - 1977), deutscher Schriftsteller im Jahre 1930